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von Susan Neiman
    Ausgewählte Texte
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"Die Deutschen sollten keine Angst haben",
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Dezember 2016

"Antimodernismus: Die Quelle allen Unglücks?",
Die Zeit, 27. Oktober 2016, Nr. 45

"Deutschland hat sich positiv verändert. Das beglückt mich",
Die Zeit, 2. Juni 2016, Nr. 24

Aufklärung heißt nicht, nur nach mehr Toleranz zu rufen!,
Der Tagesspiegel, Causa, 22. März 2016

Hört auf, Antisemiten zu zählen!,
Die Zeit, Nr.43, Oktober 2014

Was ist heute Religion?,
Die Zeit, Nr.25, Philosophiebeilage, Juni 2013

»Kant hat mein Leben verändert«,
Die Zeit Nr.20, 12.05.2011

»Moralische Klarheit«,
Eurozine, 10.08.2009

»Die Fähigkeit zu hoffen«,
Freitag 30, 25.07.2008

»Nicht einmal ein Funken Dankbarkeit«,
Die Zeit Nr.40, 29.09.2005

"Ein Hauch von Welt", Freitag 37, 16.09.2005

"Deutschland einmal anders gesehen",
Die Zeit Nr.38, 15.09.2005

"Deutschland von innen und außen zugleich", Deutsche Welle, 13. 09. 2005

"Auf gut Deutsch",
ChangeX, 09.09.2005

"Rot, Grün, Gold", Der Tagesspiegel, 01.09.2005

"Gedicht über die Schöpfung", Freitag 04, 28.01.2005

Die Zeit, Nr.42, vom 07.10.2004
"Rechts und fromm"

Deutschlandradio, Kulturfragen, 13.06.2004,
" Amerika und die Macht des 'Bösen' "

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.2004,
"Danke, Schröder!"

Der Tagesspiegel, 11. Februar 2004
"Das Leben ist kein süßer Dämmerzustand"

Die Zeit, Nr.2, vom 31.12.2003
"Was heißt Aufklärung? Zwischen Afghanistan und Arkansas"

Einleitung

Vor einigen Jahren führten Kognitionspsychologen eine Reihe von Experimenten durch, um die Auswirkung von Stimmungen auf die Erkenntnis zu untersuchen. Unter anderem legten sie einen Test vor:

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Aufgefordert, die beiden Gruppen zu benennen, die einander am ähnlichsten sind, wählten Versuchspersonen, die sich selbst als glücklich bezeichneten, die Gruppe rechts. Diejenigen, die sich für unzufrieden oder depressiv hielten, deuteten auf die linke Gruppe. Selbstverständlich gibt es hier keine richtige Antwort, denn jede Gruppe weist Ähnlichkeiten wie Verschiedenheiten auf. Auffallend ist, daß selbst auf dieser Abstraktionsstufe die zufriedenen Versuchspersonen allgemeine, auch aus der Distanz erkennbare Bildelemente betonten, während unzufriedene Versuchspersonen sich auf Kleinstmerkmale konzentrierten. Was unsere Großmütter uns immer schon gesagt haben, wurde so wissenschaftlich bewiesen: Glückliche Leute haben das, was man Weitblick nennt, sie können die Dinge in ihrer langfristigen Entwicklung betrachten. Unzufriedene Menschen verheddern sich im Gestrüpp der Einzelheiten.
In Deutschland könnte - welches der Realitätsgehalt solcher Erkenntnisse auch sein mag - der Zustand der Nation, wie er sich nach der Überzeugung der Bürger darstellt, kaum übler sein: Wie das von Pew durchgeführte Global Attitudes Project belegt, ist die Kluft zwischen der Wahrnehmung Deutschlands von außen und der von innen immens. Noch bemerkenswerter als der Befund, wonach Ausländer eine weit bessere Meinung von der Bundesrepublik haben als deren Bewohner, ist die Tatsache, daß Deutschland als einziges der untersuchten Länder durchgängig einen schlechteren Rang einnimmt als die anderen. So haben zum Beispiel 83% der Amerikaner eine vorteilhafte Meinung von sich, während ihre Beliebtheit in den 16 untersuchten Ländern im Durchschnitt gerade einmal 48% beträgt. 88% der Chinesen halten viel von sich selbst, eine Meinung, die nur von 57% der Bevölkerung anderer Länder geteilt wird.

spacer Unter den westeuropäischen Nationen besitzt Deutschland bei weitem die zurückhaltendste Einstellung in der Beurteilung seiner weltweiten Popularität. Nur etwa die Hälfte (51%) der Deutschen meint, ihr Land sei generell beliebt, nahezu genauso viele (43%) glauben, daß es generell unbeliebt sei. ... Besonders erstaunlich sind die unterschiedlichen Selbsteinschätzungen und internationalen Bewertungen der Nachbarn Deutschland und Frankreich. Acht von zehn Franzosen sind überzeugt, daß man ihr Land in der Welt schätzt, während nur etwa die Hälfte der Deutschen glaubt, in der Welt beliebt zu sein. Doch Deutschlands Beliebtheit rangiert in zehn der sechzehn befragten Länder höher als diejenige Frankreichs. Selbst die Franzosen siedeln Deutschland auf der Popularitätsskala höher an (89%) als ihr eigenes Land (74%). spacer


Ob im Feuilleton oder in der Kneipe, über nichts sind sich die Deutschen aller Schichten und aus allen Regionen so einig wie darüber, das Land gehe vor die Hunde. Jeder dezente Hinweis, es stehe vielleicht doch nicht ganz so schlimm, wird als Ausdruck von Naivität und zudem als deplaziert verspottet. Deutlich ablesbar wird diese Haltung in der Eile, mit der die jetzige rot-grüne Regierung zu Grabe getragen wird. Selbst in Kreisen, bei denen die Alternative auf wenig Gegenliebe stößt, scheint ein gesunder Realismus zu verlangen, den unausweichlichen Niedergang nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, ihn vielmehr darüber hinaus möglichst rasch herbeizusehnen.
Diese Art des Masochismus schlägt sich sogar in der Grammatik der politischen Äußerungen nieder: Bereits der Gebrauch des Konjunktivs würde eine Hoffnung zu erkennen geben, die als unvereinbar mit jedem Realitätssinn gilt. In den ersten Tagen nach Schröders Forderung von Neuwahlen hieß es noch, ein Sieg der Union sei wahrscheinlich. Wenig später erleichterte es die durchgängige Verwendung des Futurs den Journalisten, Minister mit einer anderswo unvorstellbaren Unverfrorenheit zu fragen, was sie auf ihrem Altenteil zu tun gedächten. Die allgemeine Tendenz, auf der geschwächten Regierung herumzutrampeln, besitzt zwar durchaus sadistische Züge, doch ist ein Zug zur Selbstzerfleischung deutlich spürbar. Am lautesten jubelte über eine Regierungsniederlage nicht die Opposition, sondern deren frühere Anhänger. Diese können gar nicht schnell genug das Ende ihrer Hoffnungen feiern.
Ein Großteil der gegenwärtigen Äußerungen zur politischen Lage gleicht weniger einer politischen Analyse denn einer verspäteten kollektiven midlife crisis. Vielleicht ist dies unvermeidlich in einer Gesellschaft, die ihre Bürger in einem Alter zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, in der andere glauben, sie würden nun allmählich weise. Gleichwohl: Jene, die lauthals verkünden, die gegenwärtig amtierenden Minister näherten sich, wie die Kommentatoren, den Sechzigern, also einem Alter, in dem man sich eingestehen müsse, daß alle Ziele, für die man gearbeitet habe - mit Ausnahme vielleicht des Hauses in der Toskana -, als Jugendwunschtraum aufzugeben seien, stellen keine ernstzunehmenden Überlegungen an, geben vielmehr nur einen tiefen Stoßseufzer der Nation wieder.
Unzufriedene Menschen starren, so Schopenhauer, auf die kleine düstere Wolke der Gegenwart. Wie aber sieht Deutschland aus einer etwas größeren Distanz aus? Angesichts der Verhältnisse in Deutschland können ausländische Beobachter nur schwer das Urteil der Welt nachvollziehen, wonach dieses Land gegenwärtig die »tiefste Depression seiner jüngsten Geschichte« erlebe. Carl Tham, der schwedische Botschafter in Deutschland, vergleicht die Beurteilung der deutschen Wirtschaft im Ausland mit deren Selbstbewertung:

spacer Es herrscht eine enorme Hochachtung vor deutscher Technik und Qualität im allgemeinen, beides Dinge, die zur Wahrnehmung eines Landes gehören. Letztes Jahr schrieb der Economist, wenn ein Marsmensch auf der Erde Investitionsmöglichkeiten suche, solle er sich Deutschland anschauen. Nach dem verheerenden 20. Jahrhundert erleben wir nun ein Deutschland, das niemand fürchtet. Wer hätte das selbst noch vor ein paar Jahren gedacht? Man frage einen durchschnittlichen Schweden, was er mit Deutschland assoziiere, und er wird antworten: Autos, Fußball, Bier. Ja, und natürlich Berlin. Berlin ist eine interessante Stadt. spacer


Wenn Tham, der in seiner langen politischen Laufbahn auch Bildungsminister war, über deutsche Kultur spricht, gerät er beinahe ins Schwärmen. »Die Kunst wird stark gefördert, und nicht nur so nebenbei. Bis jetzt. Für Theaterfreunde beispielsweise ist Deutschland ein Muß. Es ist eines der wenigen Länder in Europa, die noch Stadttheater haben, nicht nur die großen berühmten Bühnen. In Frankreich findet man ebenfalls noch einige, aber man schaue nur nach Großbritannien: Selbst die Subventionen für das Royal Shakespeare Theatre wurden gekürzt.«

Die in Amerika geborene Professorin Lorraine Daston ist immer wieder erstaunt über den »merkwürdigen Gegensatz zwischen der Vorstellung ausländischer Wissenschaftler von der Dynamik Berlins und der chronischen Depression der Deutschen«. Als Direktorin des Max-Planck-lnstituts für Wissenschaftsgeschichte begegnet sie Hunderten von Gelehrten, die nach Deutschland gekommen sind, um hier zu forschen.

spacer Die jüngeren Wissenschaftler bewundern Deutschlands strenge Grenzwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen und sehen darin ein Vorbild für die übrige Welt; die älteren sind von den leidenschaftlichen Diskussionen über Deutschlands Vergangenheit ebenso beeindruckt wie von der Offenheit, mit der sie geführt werden. Jüdische Wissenschaftler, die ihr Leben lang einen Bogen um Deutschland gemacht haben, glauben jetzt, wieder deutschen Boden betreten zu können: nicht leichten Herzens, aber doch guten Gewissens, da der Wahrheit Genüge getan wurde. Fast jeder ist von der Kühnheit und Lebendigkeit der kulturellen Szene fasziniert, insbesondere was zeitgenössische Musik und Oper betrifft. Vor allem ausländische Wissenschaftler sind darüber verwundert, wie anders sich doch die Deutschen selbst wahrnehmen: Während sie selbst glauben, sie hinkten der globalen Entwicklung hinterher, erleben die Ausländer eine Gesellschaft, die entschlossen fortschreitet. In den Worten eines jungen französischen Wissenschaftlers: »Hier beklagen die Leute sich über den Reformstau, aber an vielen anderen Orten gibt es nur Stau.« spacer


Der englische Historiker Tony Judt, dessen umfangreiche Geschichte über das Nachkriegseuropa in diesem Herbst erscheinen wird, geht noch weiter. »Deutschland ist heute sowohl das Vorbild als auch Machtfaktor bei allem, was in Europa gut ist, und diese Funktion sollte das Land ganz eindeutig beibehalten. Die Deutschen haben ihr eigenes Modell für die Gestaltung Europas entwickelt. Selbstverständlich sind noch Korrekturen im Detail nötig, aber es gibt nichts, wofür man sich entschuldigen müßte.«
Früher versuchten viele Deutsche ihre Herkunft zu verschleiern. Im Ausland gaben sie sich als Österreicher aus, zur Not gab es auch noch die Schweiz. -Werde ich heute gefragt, wo ich herkomme, kann ich mir mehrere Antworten aussuchen. Diejenigen, die auf meine Staatsbürgerschaften deuten, führen zu längeren, nicht immer willkommenen Gesprächen. Will ich es mir einfach machen, etwa auf Reisen, gibt es nur eine Möglichkeit: Ich komme aus Berlin.

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