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Videos/Audio

"Philosophisches-EXPERIMENT WERDE ERWACHSEN! Eine philosophische Ermutigung mit Susan Neiman, Januar 2017

"Trump and Europe: Partners or Rivals?", Deutsche Welle, Quadriga, (Discussion in English with German translation) November 2016

"Trump und Europa: Partner oder Gegner?", Deutsche Welle, Quadriga, (Diskussion auf Deutsch mit englischer Übersetzung) November 2016

"Who Needs Europe?", Socrates Lecture, Humanistic Association Netherlands, Amsterdam, March 2014

"Glück, Vernunft, Ehrfurcht und Hoffnung! Politik und IdealistInnen?", Karl-Renner-Forum, Wien, Februar 2014

Feature "Moral Clarity", 'Ideas' with Paul Kennedy, CBC Radio, March 2010

"Defining a Moral Compass for the 21st Century?", Jonathan Sacks and Susan Neiman, Jewish Book Week, March 2010

"Susan Neiman on Morality in the 21st Century, Philosophy bites, March 2010

"The Good Society: Virtues for a Post-Recession World", The Institute of Ideas, London, January 2010

"Grote denkers: Susan Neiman", Lux magazine, Feburary 2010

"Making Progress: Rethinking Enlightenment", The Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce (RSA), London, July 1th, 2009

"The Forum", BBC Worldservice, July 5th, 2009

"Race and Religion in the Presidential Election", Cornel West and Susan Neiman, 92nd Street Y, New York, November 26, 2008.

" Ethics on the Air", WBAI, October 8, 2008.

" Moral Clarity:" Tavis Smiley Show, PBS, 11:30 May 13, 2008.

" Achieving Moral Clarity: Reflections for Grown-up Idealists, " Robert Cover Memorial Lecture, Yale Law School, New Haven,Connecticut,

"Beyond Belief", Conference at the Salk Institute, La Jolla, CA, November 6, 2006.

PBS (Public Broadcasting Service, USA),
"NOW with Bill Moyers", 2 January 2004,
The Evolution of the Idea of Evil



Portraits and Interviews

Die Zeit, Juni 2016

Frankfurter Rundschau, 3. Februar 2016

Neue Zürcher Zeitung, 16. März 2014

VETO 4110, Dezember 2014

Trouw, November 2014

Die Zeit, August 2013

Der Standard, Oktober 2010

Cicero, September 2010

New Statesman, February 2010

Spiked, July 2009

Die Welt, Juni 2009

Rheinischer Merkur, Juni 2009

Vrij Nederland Nr. 14, April 2009
(Engl. translation)

(Dt. Übersetzung)

Het Financieele Dagblad, Januar 2009

Süddeutsche Zeitung, Januar 2006

Filosofie Magazine, April 2003

NZZ, Februar 2003

Die Zeit, Januar 2003

taz, September 2002

Tagesspiegel, Oktober 2000

Das alte und das neue Böse

Zwischen Bush und bin Ladin: Die amerikanische Philosophin Susan Neiman hat mit dem Essay «Evil In Modern Thought» das Buch zur weltpolitischen Stunde geschrieben

Interview: Andreas Isenschmid

NZZ am Sonntag: Als Sie an Ihrem Buch über «Das Böse im modernen Denken» schrieben, kam Ihnen der 11. 9. 01 mit seinem Bösen dazwischen. Wie wirkte sich das auf Ihre Arbeit aus?

Susan Neiman: Politisch war der 11. 9. ein Einschnitt, moralisch nicht. Es war nicht eine neue, es war im Gegenteil eine traditionelle Form des Bösen. Gerade deshalb hat er Linksliberale wie mich verwirrt. Wir hatten uns seit Jahren an die These von Hannah Arendt gewöhnt, dass die Gefahr von banalen Formen des Bösen komme. Hier aber gab es den monströsen, bewussten und zerstörerischen Vorsatz. Doch wir sollten uns von Bushs Verwendung des Ausdrucks «das Böse» nicht davon abhalten lassen, den 11.9. klar als böse zu bezeichnen.

Welches Konzept des Bösen steht hinter Bushs «evil»?

Ein sehr vereinfachtes, welches das Böse nur in dieser traditionellen Art von Menschen sieht, die in genauem Wissen möglichst viele Unschuldige töten und möglichst viel Panik verbreiten wollen. Das Ziel ist klar, die Mittel sind genau kalkuliert. Wir haben hier keinen Eichmann, niemanden, der sagen kann, es war nicht so gemeint, ich habe nur meine Arbeit getan, sonst hätte es ein anderer gemacht. Wir haben es also mit altmodischen Formen des Bösen zu tun. Es ist wichtig zu sehen, dass es die noch gibt. Aber Bush verkennt natürlich, dass es auch ganz andere Formen gibt. Man kann viel Unheil anrichten, ohne es direkt zu wollen.

Was bringt der Begriff des Bösen in der Auseinandersetzung um den Irak?

Noch vor einem Monat wäre ich bereit gewesen, das Wort «böse» auf Saddam Hussein ohne Wenn und Aber anzuwenden. Aber im Moment ist die Rhetorik so gefährlich entzündet, dass ich zurückhaltend werde. Umgekehrt müssen wir bereit sein, moralische Begriffe auf differenzierte Art zu verwenden, sonst tun es nur die andern, seien es Bush oder Usama bin Ladin. Ich halte es jedenfalls nicht mit denen, die finden, Moral sei ohnehin bloss Rhetorik, wenn nicht Heuchelei.

Wenn der Sicherheitsrat zum Schluss kommt, dass Saddam nicht kooperiere und kriegerische Mittel gerechtfertigt seien - wie halten Sie es dann?

Ich habe noch nichts gesehen, was einen Krieg rechtfertigt. Und ich halte die Gefahren eines Kriegs für viel grösser als die Gefahren einer Containment-Politik. Übrigens: Gerade weil Saddam böse genannt werden kann, müssen wir uns genauer, als Bush es tut, überlegen, wie wir gegen ihn vorgehen. Wenn selbst George Tenet, der jetzige CIA-Chef, behauptet, der Irak liefere nur Massenvernichtungswaffen an Terroristen, wenn die USA angriffen, müssen wir fragen, wie im Weissen Haus gedacht wird.

Ihr Buch über das Böse beginnt mit dem Erdbeben von Lissabon und endet mit Auschwitz, warum diese Wahl?

Das Erdbeben von Lissabon war die erste global wahrgenommene Katastrophe. Es legte 1755 in zehn Minuten eine Weltstadt in Schutt und Asche und kostete 15 000 Menschen das Leben. Die Wirkung auf die westliche Zivilisation wurde mit dem Fall Roms verglichen. Etwas Grösseres als Lissabon war nicht denkbar. Von Voltaire bis Kant fragten die Philosophen jener Zeit, wie Gott ein solches Böses zulassen könne. Am Ende der Debatte stand der moderne Begriff des Bösen: Man verzichtete darauf, Naturkatastrophen «natürliches Böses» zu nennen, und reservierte den Begriff des Bösen für gezielte menschliche Handlungen.

Und warum Auschwitz als Endpunkt?

Auschwitz bedeutet das Ende dieses modernen Begriffs des Bösen. Hannah Arendt hat in ihrem Bericht «Eichmann in Jerusalem» gezeigt, dass Auschwitz in seinem Ausmass allem antisemitischen Hass und allem geplanten Mord zum Trotz nicht möglich gewesen wäre ohne die vielen, die, zwar ohne gute Absicht, aber auch nicht mit ausdrücklich böser Absicht, handelten, einfach mit normal schlechten Absichten, in der Meinung, ihre Arbeit zu tun. Sie wollten ihre Karriere oder ihr Leben voranbringen. Arendt wollte zeigen, dass die böse Absicht nicht der Punkt ist.

Wo bleibt die Verantwortung?

Man ist verantwortlich für die Taten, die man in Bewegung setzt.

Haben Sie ein Kriterium, um Grenzfälle des Bösen bestimmen zu können? Etwas wie eine moralische Essenz des Bösen?

Mit der Suche nach allgemeinen Kriterien endet man entweder in Banalitäten, oder man grenzt die Sache so sehr ein, dass wichtige Fälle aussen vor bleiben. Über Kriterien kommt es meist zu fruchtlosem Streit, während man sich über exemplarische Fälle einigen kann. Nach dem 11. 9. läuft man Gefahr, sich lautstark hinter allgemeinen Thesen zu verstecken, darüber die verschiedenen Formen des Bösen nicht mehr zu erkennen und die entsprechende Verantwortung nicht wahrzunehmen.

Welcher Umgang bleibt uns nach Auschwitz mit einem Bösen, das ohne böse Absicht in die Welt tritt und uns unsere traditionellen philosophischen Antworten entwindet?

Dazu möchte ich vielleicht mein nächstes Buch schreiben. Ich überlege mir, verschiedene Formen des Heldentums zu beschreiben. Ich möchte diesen Begriff für die Aufklärung zurückgewinnen. Denn wir haben moralische Bedürfnisse, und dazu gehört dasjenige nach Helden. Ich sehe Heldentum nicht als eine aussichtslose moralische Geste. Man hat die Möglichkeit, zu handeln.

Wie hat sich Hannah Arendt nach ihrer Einsicht in die trostlose Gegenwart des Bösen den Umgang damit gedacht?

Sie hat tatsächlich das Böse gesehen und dennoch an ihrer Liebe zur Welt festgehalten. Sie sah eine Rechtfertigung der Schöpfung darin, dass man das Böse verstehen kann. Es ist wie ein Pilzbefall, der in die Breite, nicht in die Tiefe geht. Es ist vielleicht veränderbar. Eine solche Haltung gibt mir Hoffnung, denn wenn man nicht versucht, das Böse zu verstehen, ist man in moralischer Gefahr. Die Gegenposition, wie sie bei Voltaire und Dostojewski auftritt, sagt: Nein, die Gefahr besteht gerade im Versuch, das Böse zu verstehen. Hier lauert die Gefahr der Relativierung und zuletzt der Versöhnung mit dem Bösen. Beide Linien sind wichtig; ich neige eher zu derjenigen von Arendt und Rousseau.

Sie sprechen sich in Ihrem Buch für das Unterscheiden, aber gegen das Abwägen des Bösen aus. Wie reagieren Sie auf ein Abwägen des Holocaust gegen den stalinistischen Gulag?

Ich weiss nicht. Oft ist es eine politische Frage und moralisch daher etwas suspekt. Was mir einleuchtet, ist ein Gedanke Todorows, der sagt, die Deutschen sollten sich der Einmaligkeit des Holocaust stellen, die Juden sollten seine Universalität betonen. Jede Aussage, was schlimmer ist, ist auch eine politische Aussage. Es kann in bestimmten Zusammenhängen wichtig sein, das besondere Böse eines Ereignisses zu betonen - etwa, um Verantwortung dafür zu übernehmen.

Heisst das, Sie hätten Ihr Buch, wenn Sie es als Russin in Moskau geschrieben hätten, mit dem Gulag enden lassen?

Ich glaube nicht. Über Auschwitz ist so viel geschrieben und gedacht worden, von den Künsten über die Geschichtsschreibung bis zur Philosophie, dass es für mich der richtige Endpunkt war.

Was sagen Sie zu denen, die im sogenannten US-Imperialismus das Böse schlechthin sehen?

Ich bin gern bereit, einige Handlungsweisen der USA böse zu nennen, wenn es auch, wie ich glaube, solche sind, die ohne entsprechende Absicht erfolgen, oft geradezu in der Überzeugung, das Gute zu tun. Vor allem aber finde ich es sinnvoll, dass alle als Erstes im eigenen Lager mit Kritik ansetzen. Bush genauso wie die muslimischen Fundamentalisten.

Ihr Buch ist Ihren Kindern gewidmet; wie spielt es in ihre Erziehung hinein?

Einem Kritiker, der meine Hoffnung, dass das Böse durch moralische und politische Handlungen verringert werden kann, nicht teilen mochte, schrieb ich: Ich habe drei Kinder, und ich muss bestimmte Hoffnungen aufrechterhalten, um sie zu begleiten. Aber ich habe diese Hoffnungen auch, weil ich meine Kinder, ihre Frische beim Aufstehen und ihre Ideale sehe. Wer Kinder im Alltag grosszieht, wird mit Hoffnung vorangehen müssen. Er schrieb zurück, er habe keine Kinder, für die er fürchten müsste und für die er hoffen könnte. Da könne ich nur meinen Kindern dankbar sein.

«Ich möchte den Begriff des Heldentums zurückgewinnen. Wir haben moralische Bedürfnisse, auch das nach Helden.»

(c) Erschienen in NEUE ZÜRCHER ZEITUNG vom 16. Februar 2003.

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