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Ohne Abitur nach Harvard
Die Philosophin ist neue Leiterin des Einstein Forums
von Dorothee
Nolte
Abitur hat sie
nicht. Wozu auch? Mit 14 Jahren erschien es Susan Neiman wichtiger, die 68er
Bewegung mitzuerleben, als die Schule abzuschließen. Sie verließ
ihr Elternhaus und lebte in Kommunen in Maryland und Berkeley. "Ich war
ein paar Jahre zu spät geboren, ich musste mich beeilen, um das nicht zu
verpassen", sagt sie mit dem spitzbübischen Lächeln, das ihr
noch heute das Aussehen einer neugierigen Teenagerin verleiht. Den Weg nach
Harvard hat sie trotzdem gefunden – über den Umweg des New York City
College, wo man auch ohne Schulabschluss studieren konnte. Dass ihre Liebe bei
der Philosophie, insbesondere bei Kant lag, wurde ihr dort sehr schnell klar.
Was im
Rückblick wie eine jugendliche Eskapade erscheinen mag, weist doch auf
eine Konstante in Susan Neimans Leben hin: In vorgegebene Rahmen und
Karrieremuster fügt sie sich nicht. Als sie in Harvard kurz vor dem PhD
stand, ging sie mit einem Fulbright Stipendium nach Berlin an die FU und blieb,
anders als geplant, fünf Jahre: "Damals fand ich, in jeder Berliner
Kneipe gäbe es mehr Philosophie als in Harvard", lacht sie.
"Wenn mich Margherita von Brentano nicht gedrängt hätte,
hätte ich sogar meine Doktorarbeit aufgegeben." Sie schrieb sie dann
doch fertig – Thema: Die Einheit der Vernunft bei Kant –, verfasste
aber auch ein Buch, von dem Kollegen sagten, es sei zu literarisch und werde
ihre wissenschaftliche Karriere ruinieren: Eindrücke einer Jüdin in
Berlin. Und als sie nach einer sechsjährigen Professur in Yale einen Ruf
an die Universität Potsdam erhielt, da entschied sie sich trotz der
besseren Ausstattung des deutschen Lehrstuhls dafür, an die
Universität Tel Aviv zu gehen: "Ich wollte das Leben in Israel
kennenlernen." Na klar.
Die
Entscheidung, nun – nach Gary Smith und Sigrid Weigel – die Leitung
des Potsdamer Einstein Forums zu übernehmen, hat sich die 45-Jährige
nicht leicht gemacht. "Ich war zufrieden in Tel Aviv, und meine drei
Kinder hatten sich gut eingelebt." Aber die Begeisterung für diese
"in der Welt einzigartige" Institution war größer.
"Wo sonst können Sie so international und interdisziplinär
arbeiten?" In der Tat scheint der Posten wie für sie gemacht. Susan
Neiman ist mit drei Kulturen, der amerikanischen, der jüdischen und der
deutschen, vertraut; sie bewegt sich mit Vorliebe in den Grenzbereichen der
Disziplinen – ihr neuestes Buch handelt von "dem Bösen";
und sie hat das, auch aus ihrer Biografie ersichtliche Anliegen, zwischen Theorie
und Praxis, Wissenschaft und Öffentlichkeit zu vermitteln, Wissenschaft
lebendig zu machen. In einer Stadt wie Berlin sei das viel eher möglich
als in den USA, wo sich das geistige Leben auf die Universitäten
konzentriert, sagt sie und schwärmt von dem Scheunenviertel, wo sie wohnt.
Intellektuelle
Leitfiguren sind für sie – neben Kant, "dem internationalsten
aller deutschen Geister, auf den ich immer wieder zurückkomme"
– Hannah Arendt und Jean Améry. "Das sind Beispiele für
eine kritische, manchmal verzweifelte Aufklärung im 20. Jahrhundert".
Jedenfalls: Aufklärung. Das Mystische, auch das "Verschwommene,
Schlampige, Unklare", liegt ihr nicht. Neiman plädiert für einen
"nüchternen, nicht naiven, einen erwachsenen Idealismus". Auch
diese Haltung gründet in ihrer Biographie: Geboren in Atlanta, Georgia,
hat sie sich im amerikanischen Süden nie heimisch gefühlt. Schon als
Kind empörte sie sich über die Rassentrennung und wurde stark von der
Bürgerrechtsbewegung geprägt. "Auch wenn Ideale wie Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit in der Abstraktion immer plump klingen: Sie
sind doch heute genauso wichtig wie vor 200 Jahren", sagt sie. "Uns
bleibt nichts Besseres."
© Veröffentlichung
mit freundlicher Genehmigung von Der Tagesspiegel, Berlin
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